Ein kahler Raum. Beton. Stahl. Kälte. Nicht die romantische Kälte eines Winterabends in den Bergen, sondern die zweckmäßige Kälte eines Ortes, an dem Dinge aufbewahrt werden, die niemand mehr anfassen möchte. In der Mitte steht ein grober Arbeitstisch. Darauf liegt ein massiver Eisblock. Im Eis, wie in einem schlechten Denkmal für Überheblichkeit, ruht der Körper von DR. DORIAN TOOLIDLE. Nicht inszeniert, nicht feierlich, nicht mehr wichtig. Nur still. Endgültig. Unterlage statt Autorität. Auf dem Eisblock steht ein schwerer Glasaschenbecher. Daneben: ein Mikrofilm, ein schlichtes Telefon, ein Päckchen Zigaretten, ein Stapel Photos in einem braunen Umschlag.
KREBSKANDIDAT steht am Tisch.
Schwarz gekleidet. Ruhig. So ruhig, wie nur Männer sind, die ihr ganzes Leben damit verbracht haben, andere die Unordnung ausbaden zu lassen, die sie selbst „Notwendigkeit“ nennen. Er nimmt den Mikrofilm zwischen zwei Fingern hoch, hält ihn kurz gegen das Licht, als wolle er die Lächerlichkeit dieser dünnen, gefährlichen Materie noch einmal würdigen. Dann greift er zum Telefon, wählt, wartet. Sein Blick bleibt auf dem Eisblock. Als Mulder abnimmt, spricht er ohne Begrüßung.
KREBSKANDIDAT
Ist Agent Scully außer Hörweite?
Ein kurzer Moment. Dann ein fast unsichtbares, zufriedenes Senken der Lider.
KREBSKANDIDAT
Gut.
Er nimmt eine Zigarette aus dem Etui, steckt sie sich an und spricht mit jener höflichen Trockenheit, die nur bei ihm wie eine Form von Beileid klingt.
KREBSKANDIDAT
Ich dachte, Sie verdienen nach diesem langen Abend wenigstens eine kleine Beruhigung, Agent Mulder, während Sie auf dem tristen Flughafen von Springfield auf einen Weiterflug warten.
Er zieht einmal an der Zigarette. Sie glimmt ruhig.
KREBSKANDIDAT
Dr. Toolidle wird keinen Schaden mehr anrichten. Weder für Menschen noch für den Staat.
Stille am anderen Ende. Krebskandidat legt den Mikrofilm in den Aschenbecher, hält die glühende Spitze der Zigarette daran. Erst zögert das Material. Dann krümmt es sich, wird schwarz, zieht sich zusammen. Er stellt den Aschenbecher auf den Eisblock genau auf Toolidles Brusthöhe. Nicht als Zorn oder Rache, nur als Ordnung.
KREBSKANDIDAT
Franklin war eine alte Schwäche. Toolidle eine alte Unvorsichtigkeit. Beides wurde heute Nacht korrigiert.
Er hört kurz zu. Sein Mund bewegt sich kaum, aber ein Hauch von Missbilligung geht über sein Gesicht. Nicht über Mulder. Über dessen Erwartungshaltung.
KREBSKANDIDAT
Nein, Agent Mulder. Sie bekommen keinen Bericht. Keinen Namen. Keine Liste. Seien Sie nicht kindisch. Sie bekommen, was in Ihrer Position das Maximum an Gnade darstellt: das Ergebnis.
Wieder ein kurzes Zuhören. Dann, fast milde:
KREBSKANDIDAT
Der Mikrofilm ist gesichert. Die Angelegenheit ist beendet. Und Sie täten gut daran, sich mit dieser seltenen Form des Abschlusses zufriedenzugeben.
Er sieht auf das Feuer im Aschenbecher, bis der Film nur noch dunkle, sich kräuselnde Reste ist.
KREBSKANDIDAT
Sie verlangen gern Wahrheit, wenn schon Stabilität genügt hätte. Das ist an Ihnen zugleich Ihr größter Fehler und Ihre sympathischste Eigenschaft.
Ein letzter Zug an der Zigarette. Dann kälter:
KREBSKANDIDAT
Und sagen Sie Agent Scully nichts, was sie zwingt, an der falschen Tür zu kratzen. Es war ein hässlicher Abend. Lassen Sie wenigstens das Ende praktisch sein.
Er hört noch einen Augenblick zu. Dann beendet er das Gespräch, ohne Abschiedsformel. Legt den Hörer auf. Stille. Nur das kleine Knistern des verbrannten Mikrofilms im Aschenbecher und das ferne Summen der Kühlung. Krebskandidat nimmt nun den braunen Umschlag auf, zieht die Photos heraus und betrachtet sie einzeln. Körnige Überwachungsbilder aus dem Chalet. Unscharf genug, um unverschämt zu sein. Scharf genug, um nützlich zu sein. Shane Hollander und Ilya Rozanov unbefangen und unbeobachtet. Ein Blick. Eine Berührung. Zu viel Nähe in einem Flur, in einem Salon, vor einem Kamin. Keine Staatssache, kein Druckmittel gegen die Harts. Nur Material. Er sieht das erste Bild an, dann das zweite. Kein Ekel. Kein Respekt. Nur Berechnung. Dann legt er die Photos nacheinander in den Aschenbecher auf die verkohlten Reste des Mikrofilms und hält die Zigarette daran. Die Ecken rollen sich auf. Gesichter zerfallen in Schwarz. Schnee, Holzvertäfelung, Hände, Münder — alles wird zu Asche. Er sieht zu, bis nichts Lesbares mehr übrig ist. Dann nimmt er auch das Telefon. Betrachtet es einen Moment. Ein kleiner, altmodischer Apparat, harmlos genug, um gefährlich gewesen zu sein. Er legt es auf die Tischkante, hebt das schwere Metallfeuerzeug und schlägt es mit einem einzigen gezielten Hieb gegen das Gehäuse. Das Plastik springt. Ein zweiter Schlag. Das Innenleben bricht. Er legt die Reste neben den Aschenbecher. Sein Blick geht ein letztes Mal auf den Eisblock. Auf Toolidle unter dem Glas: Unter dem Rest des Films, unter der Asche der Bilder. Dann sagt er leise, fast gedankenverloren, nur in den Raum hinein:
KREBSKANDIDAT
Es gab heute Nacht schon genug Schmerz.
Nur ein Satz, mit dem er sich selbst die Eleganz seiner Entscheidung bestätigt. Er drückt die Zigarette im Aschenbecher aus, nimmt Mantel und Handschuhe, geht zur Tür. Hinter ihm bleiben zurück ein stiller Eisblock, ein Aschenbecher, Asche, und die ordentliche Vernichtung der letzten Dinge, die noch hätten weiterbrennen können. Die Tür fällt ins Schloss. Die Kälte arbeitet weiter. Vor der Tür wartet ein Mann im zu engen Anzug.
KREBSKANDIDAT
Danke, Agent KRYCEK, dass Sie das Problem besonnen und kühl gelöst haben.


