Dann blieb die Bibliothek zurück mit Lito, Meghan und Justine.
Das Schweigen veränderte sich sofort.
Solange Mary im Raum gewesen war, hatte jede Verletzung einen Rang gehabt. Solange Fiona im Raum gewesen war, hatte jede Verletzung eine Arbeitshand auf der Schulter gespürt. Nun standen Mutter und Tochter einander ohne diese beiden alten Frauen gegenüber, und plötzlich war die Bibliothek ein Ring.
Lito blieb zwischen ihnen stehen, aber nicht genau in der Mitte. Er war klug genug, sich nicht wie eine Grenze aufzubauen. Stattdessen bewegte er sich langsam zum Kartentisch, nahm eines der Wassergläser, füllte es bis zum Rand und trank es demonstrativ in einem Zug aus, als wolle er beweisen, dass wenigstens dieses Wasser wirklich nur Wasser war, bevor er es mit deutlichem Lärm wieder auf den Tisch stellte.
„Ich werde jetzt etwas tun, das in jeder vernünftigen Familie als töricht gelten würde und in dieser Familie vermutlich ein Feuerlöscher ist: Ich werde vorschlagen, dass Sie beide nicht weiter miteinander sprechen, als säßen Mary, Fiona, Dane, Luke, Drogheda und Valeria zugleich auf Ihren Schultern. Ich bitte nicht um Versöhnung und nicht um eine rührselige Szene, sondern nur darum, dass jede von Ihnen für ein paar Minuten nur ehrlich und im eigenen Namen spricht.“
Meghan saß noch auf dem Sofa. Die Ohrfeige war inzwischen nur noch als matter Schatten auf ihrer Wange zu sehen, aber Justine sah ihn trotzdem. Vielleicht sah sie gerade deshalb nichts anderes.
„Ich weiß nicht, ob ich im eigenen Namen sprechen kann, Herr Rodriguez. Mein eigener Name ist seit so vielen Jahren Mutter, Witwe, verlassene Ehefrau, Sünderin, Tochter, Nichte und jetzt offenbar auch die Frau, die von ihrer Großtante öffentlich geschlagen werden darf, weil beide denselben Bischof lieben. Wenn ich beginne, einen dieser Namen abzulegen, habe ich Angst, dass darunter gar keine Meghan mehr übrig bleibt.“
Justine zog die Arme enger vor die Brust. Sie stand unter dem Regal mit den Tragödien, und der Schatten des Möbels fiel dunkel auf ihr Kleid.
„Das ist sehr schön formuliert, Mutter, und ich erkenne die Tragik darin sogar an, weil ich nicht völlig aus Stein bin. Aber du hast wenigstens Namen gehabt, auch wenn sie dich eingesperrt haben, während ich mein Leben lang versucht habe, einen Blick von dir zu bekommen, der nicht Dane suchte. Ich war Schauspielerin, Schwester, Erbin, Störenfried und Trostpreis, aber ich war selten einfach Justine, deine eigene Tochter, wenn du mich ansahst.“
Lito füllte das Glas wieder bis zum Rand.
Er hätte früher sofort gesprochen, um die Luft zu retten. Jetzt wartete er. In manchen Räumen war zu frühe Wärme nur eine andere Art, das Feuer zu ersticken.
Meghan legte die Hände flach auf die Knie. Sie sah nicht auf. Das machte ihren nächsten Satz schwerer.
„Ich habe dich nicht als Trostpreis gemeint. Ich wollte mit dir deinen Vater zwingen, das Zuckerrohrschneiden aufzugeben, eine eigene Farm zu kaufen und mir das erbärmliche Leben als Stubenmädchen bei den Müllers zu ersparen. Er hat mich beschimpft, weil ich ihn verführt und dich quasi von ihm geraubt hatte und weil er deshalb sauer war, kam er noch seltener nach Hause, warf mir vor, Geld an dich zu verschwenden. Ich weiß, dass das wenig hilft, weil Kinder nicht von dem leben, was Eltern bekriegen, sondern von dem, was bei ihnen ankommt. Bei dir kam offenbar an, dass Dane Licht war und du Schatten, und ich kann diesen Satz kaum ertragen, weil ich weiß, dass ich dich wirklich genauso behandelt habe: Du warst Lukes Kind, mit dem ich ihn trotzdem nicht bezwingen konnte. Und nachdem er mich verlassen und bestohlen hatte, warst du die ständige Erinnerung an ihn. So sehr ich in Dane seinen Vater geliebt habe, so sehr habe ich in dir deinen Vater gehasst.“
Justine lachte einmal leise. Es war kein spöttisches Lachen. Es war ein sehr trockenes Geräusch, fast ohne Luft.
„Dane war Liebe, ich war Pflicht, und jetzt soll ich erwachsen genug sein, den Unterschied zu verstehen, ohne ihn dir vorzuhalten. Das ist viel verlangt von einer Tochter, die gerade erfahren hat, dass ihr von allen geliebter Bruder auch noch die lebendige Erinnerung an den einzigen Mann war, den du wirklich wolltest.“
Lito sah Meghan an. Sie zuckte nicht zurück. Das war schon etwas.
„Darf ich das übersetzen, ohne dass eine von Ihnen mich aus dem Fenster zum Luchs wirft? Justine sagt nicht nur, dass Sie Dane mehr geliebt haben; sie sagt, dass Ihre Liebe zu Dane eine Geschichte hatte, in der sie selbst nie vorkommen konnte. Meghan sagt nicht nur, dass sie schuldig ist; sie sagt, dass ihre Schuld inzwischen so groß geworden ist, dass sie nicht mehr weiß, wo sie mit einer einfachen Legende anfangen soll.“
Justine wandte den Kopf zu ihm.
„Du bist sehr gut darin, aus Messern Besteck zu machen. Ich weiß nicht, ob ich das bewundern oder deinem Schauspiel misstrauen soll, weil Valeria im Grunde das Gegenteil getan hat: Sie hat aus jedem Besteck Messer gemacht. Vielleicht brauchen wir wirklich jemanden aus Mexiko, der diese Familienküche vorübergehend beaufsichtigt.“
Lito griff den Satz mit einem kleinen Neigen des Kopfes auf. Er machte keine Pointe daraus. Das war seine Disziplin, bevor er erneut das ganze Wasserglas in einem großen Zug leerte.
„Ich habe heute Abend gelernt, dass man in dieser Familie sehr viel mit Besteck erklären kann. Aber ich werde nicht so tun, als wäre Sprache ungefährlich, nur weil sie grammatikalisch geziert wirkt. Wenn ich übersetze, dann nicht, um den Schmerz kleiner zu machen, sondern um zu verhindern, dass Sie einander nur noch in Valerias Verhöhnungspropaganda hören.“
Meghan hob nun den Kopf.
„Valeria Sebastienne? Das ist ein merkwürdiger Name, aber ich verstehe ihn. Sie wollte alles in Kollektiveigentum, Schuld und Diebstahl verwandeln, sogar Liebe, Arbeiterrechte, lesbische Liebe, Mutterschaft zuletzt sogar Danes Tod. Vielleicht habe ich ihr den Satz über meinen Sohn zu leicht gemacht, weil ich selbst meine Liebe zu ihm nie anders betrachten konnte als etwas Gestohlenes.“
Justine wollte sofort antworten, aber Lito hob eine Hand wie jemand, der eine fallende Vase nicht berühren, aber ihren Sturz verlangsamen möchte.
„Lassen Sie diesen Satz einen Augenblick stehen. Er ist nicht hübsch, und er ist nicht vollständig, aber er ist wahrer als vieles, was heute Abend im Speisezimmer gesagt wurde. Wenn Meghan sagt, ihre Liebe zu Dane sei gestohlen gewesen, dann erklärt das nicht alles, doch es zeigt, warum sie sich an ihm festhielt, als wäre er die einzige Zärtlichkeit, die Gott ihr in dieser Welt erlauben würde.“
Justine presste die Lippen zusammen. Ihr Gesicht wurde nicht weicher, aber solider.
„Dann soll sie auch hören, dass ich nicht gestohlen werden wollte. Ich wollte nicht aus Ralphs Schatten, Danes Heiligkeit, Lukes Abwesenheit oder Marys Testament herausgeliebt werden. Ich wollte nicht die Tochter sein, die man erst versteht, wenn eine Erpresserin tot ist und ein mexikanischer Schauspieler in einer Bibliothek Schiedsrichter spielt. Ich habe mich dafür gehasst, von dir nicht geliebt zu sein. Und ich habe jeden Menschen gehasst, der sich mir liebevoll genähert hat, weil ich von dir gelernt hatte, dass ich es nicht wert bin, geliebt zu werden. Deshalb hielt ich Rainers Avancen für eine Falle und die Ovationen des Publikums für die Vorbereitung von Spott.“
Meghan stand auf. Langsam, weil der Kopfschmerz noch in ihr war. Lito bewegte sich nicht. Er ließ sie stehen, während er ein drittes Glas Wasser einschenkte.
„Ich habe dich oft nicht verstanden. Ich habe deine Lautstärke für Eitelkeit gehalten, deinen Witz für Härte und deine Schauspielerei für Flucht vor der Arbeit auf Drogheda, weil ich nicht sehen wollte, dass ich selbst die erste war, vor der du geflohen bist. Ich kann nicht versprechen, dass ich morgen eine gute Mutter bin, aber ich kann heute Nacht zum ersten Mal sagen, dass ich dich nicht deshalb weniger sah, weil du weniger wert warst, sondern weil ich Dane wirklich mehr geliebt habe.“
Justine sah sie an. Die Worte trafen nicht wie ein Angriff, auch wenn sie schmerzten wie ein brennender Pfeil. „Ich möchte diesen Satz glauben. Ich möchte ihn so sehr glauben, dass ich ihm gerade deshalb misstraue, weil Hoffnung bei uns meistens der Moment war, bevor jemand nach Rom ging, starb oder Drogheda abbrannte. Wenn du heute Nacht mit mir sprichst, Mutter, dann sprich nicht, um dich besser zu fühlen, sondern weil du morgen noch wissen willst, was du verbrochen hast.“
Meghan nickte.
„Ich werde mich morgen daran erinnern. Ich werde mich nicht hinter dem Kopfschmerz verstecken, hinter Valeria, hinter Mutter oder hinter Dane. Und wenn ich wieder ausweiche, darfst du mir diesen Satz vorhalten, auch wenn ich dich dafür wirklich abgrundtief hassen werde.“
Lito atmete vorsichtig aus.
Er hatte in Telenovelas gelernt, wie Versöhnung klingt, wenn sie zu früh geschrieben wird. Musik schwillt an, Tränen glänzen, eine Mutter hält eine Tochter, und das Publikum bekommt sein Stück Zucker. Dies hier war anders. Niemand hielt jemanden, kein Arm öffnete sich zur liebevollen Kosung: Die Bibliothek blieb kühl und roch nach Leder und Barbituratverdacht.
Justine ging nicht zu Meghan. Sie setzte sich auf den Rand des Kartentisches, nahm Lito das Glas aus der Hand und trank es aus, während sie ihn dabei lustvoll anblickte. Dann stellte sie das Glas auf Hydra und vergrößerte unabsichtlich durch den gewölbten Glasboden ihren derzeitigen Aufenthaltsort. Ihre Hände lagen neben der Ägäis, und unter ihren Fingern lagen gedruckte Inseln, als könne man Fluchtwege berühren.
„Dann will ich dir auch etwas sagen, ohne Rolle und ohne die Pointe, die mir schon auf der Zunge liegt. Ich habe mir oft vorgestellt, dass ich dich eines Tages zwinge, mich zu sehen, indem ich schöner, berühmter, grausamer oder unentbehrlicher werde als alle anderen. Jetzt, wo du mich ansiehst, merke ich, dass ich gar nicht weiß, was ich mit deinem Blick anfangen soll: In Wirklichkeit bist du so weit aus meinem Leben entfernt, dass ich lebe, als wärest du schon tot.“
Meghan machte einen Schritt, blieb aber stehen.
„Du musst nichts damit anfangen. Nicht heute Nacht, nicht solange eine junge bolschewistische Lesbe tot im Hof liegt und wir alle nach Bittermandel, Zucker und Schuld schmecken. Vielleicht genügt es, wenn ich dich ansehe und diesmal nicht sofort Dane zwischen uns stelle.“
Lito hob eine Hand an die Stirn. Kala war fort, aber ihre Warnung blieb: Wärme konnte gefährlich sein, wenn Menschen sie für eine Falle hielten. Er musste vorsichtig sein. Er durfte nicht aus diesem Moment eine Szene machen, nur weil sein Beruf ihn dazu verführte.
„Das ist genug für eine Nacht. Mehr wäre wahrscheinlich gelogen, und gelogene Versöhnung wäre Valerias letzter kleiner Triumph. Sie beide haben einander nicht gerettet, aber Sie haben für ein paar Minuten aufgehört, sich nur durch einen Toten hindurch zu sehen.“


