In der Bibliothek waren Mary, Fiona, Meghan, Justine und Lito zurückgeblieben.
Ein einziger Mann zwischen vier Frauen, die einander liebten, hassten, brauchten und seit Jahrzehnten in wechselnden Mischungen enttäuschten. Lito spürte es körperlich. Er hatte auf Bühnen gestanden, vor Kameras, in Studios, in Hotelzimmern nach Premieren, zwischen Produzenten, Liebhabern, Maskenbildnerinnen und Journalisten, aber selten war ein Raum so gefährlich gewesen wie diese Bibliothek mit ihren stummen Büchern und den vier Cleary-Frauen.
Mary stand am Fenster, als gehöre die Nacht ihr. Fiona saß wieder, aber nicht entspannt, sondern wie eine Frau, die nur deshalb sitzt, weil Stehen unnötig Energie kostet. Meghan hielt eine Hand an die Wange, wo Mary sie geschlagen hatte; prüfend, als müsse sie sich überzeugen, dass die Ohrfeige nicht nur eine weitere Form der Familiengeschichte gewesen war. Justine blieb beim Regal mit den antiken Tragödien, aber ihre Aufmerksamkeit hing nicht an den Büchern. Sie sah von einer Frau zur anderen, als hätte Valeria Sebastienne ihnen allen andere Namen auf die Stirn geschrieben und sie müsse nun entscheiden, welche davon abwaschbar waren.
Lito zog die Decke enger um Meghans Schultern. Sie ließ es geschehen, obwohl Brians Geruch noch in der Decke verharrte.
„Ich weiß, dass ich in diesem Raum nur der mexikanische Schauspieler bin, der zufällig übriggeblieben ist. Ich weiß auch, dass jede von Ihnen gerade Gründe hätte, mich hinauszuschicken, weil Familienwunden sich gern ohne Zeugen entzünden. Aber ich bitte Sie, mich für ein paar Minuten als Fluid mit Puls zu dulden, denn im Augenblick scheint mir ein fremder Mann weniger gefährlich zu sein als noch eine Cleary-Frau, die unbeaufsichtigt in ihrem eigenen Schmerz ertrinkt.“
Mary wandte den Kopf. Ihr Blick hätte einen weniger eitlen Mann vielleicht zertrümmert. Lito nahm ihn hin wie schlechtes Licht bei einer Probe.
„Sie haben eine erstaunliche Gabe, Herr Rodriguez, sich selbst in genau dem Moment für nützlich zu erklären, in dem jede vernünftige Person schweigen würde. Ich weiß noch nicht, ob das mexikanische Tapferkeit, Schauspielergewohnheit oder ein Mangel an Selbsterhaltung ist. Da Sie aber die einzige Person in diesem Raum sind, die heute Nacht keiner von uns geboren, beerbt, vernachlässigt oder geohrfeigt hat, dürfen Sie vorläufig bleiben.“
Fiona sah Mary an, aber sie rang sie nicht nieder. Vielleicht hatte sie für diese Nacht ihre Quote an direkter Intervention bereits überschritten. Vielleicht war sie nur zu müde.
„Herr Rodriguez ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass Valeria Sebastienne über uns sprach, als seien wir Akten in einer fremden Mappe, und nun sitzen wir hier und beweisen ihr nachträglich, dass sie recht hatte, indem wir einander wie Beweisstücke behandeln. Ich habe nicht vor, mich vor einem toten Mädchen vollständig zu verdauen, nur damit am Ende eine griechische Polizistin entscheidet, welche Leiche in welches Tötungsschema passt.“
Justine stieß sich vom Regal ab. Ihre Augen waren rot vom Kopfschmerz, aber wach.
„Oma, Valeria hat dich nicht vollständig verdaut; sie hat nur an einer alten Naht gezogen, und wir alle hören jetzt, wie der Stoff reißt. Mary hat Mutter geschlagen, aber Mutter hat endlich gesagt, dass sie Dane anders liebte als mich, und ich weiß nicht mehr, ob Drogheda ein Erbe, ein Schlachtfeld oder eine sehr große Lilie ist. Vielleicht sollten wir ausnahmsweise nicht so tun, als wäre die Würde gerettet, nur weil niemand von der Polizei abgeführt wurde. Oder zumindest noch nicht.“
Meghan hob die Hand von ihrer Wange. Der Abdruck war nicht stark, aber vorhanden. Ein kleiner roter Kontinent auf ihrer Haut.
„Ich kann nicht mehr unterscheiden, ob ich weinen möchte, weil Mary mich geschlagen hat, oder weil ich es verdient zu haben meine. Ich weiß, dass das falsch ist, und ich höre schon, wie Lito innerlich aufsteht, um mir drei warme Sätze über Selbstvergebung zu schenken. Aber eine Frau, die einen Sohn wie eine verbotene Reliquie geliebt hat und eine Tochter wie eine Prüfung behandelte, sollte Strafe leichter zu verstehen als Gnade.“
Lito setzte sich nicht. Er blieb zwischen Sofa und Kartentisch stehen. Vielleicht, weil er wusste, dass dieser Raum sonst sofort wieder in drei ältere und eine jüngere Schuld zerfallen würde.
„Ich werde Ihnen keine warmen Sätze schenken, wenn Sie sie wie Zitronensaft in Wunden träufeln. Ich werde aber auch nicht schweigen, wenn Sie eine Ohrfeige in Mystik transformieren, weil Sie dann Marys Zorn recht geben. Sie haben Schuld, ja; aber Schuld ist kein Freibrief für jeden, der zufällig gerade die Hand hebt.“
Mary lachte leise, doch es kam ohne Vergnügen.
„Sie sind in dieser Nacht sehr entschlossen, Frauen zu retten, die Sie vor zwölf Stunden kaum kannten. Das ist sympathisch, lästig und gefährlich für Ihre Karriere, falls Sie je wieder nur schöne Männer an exotischen Küsten spielen möchten. Aber Sie sollten wissen, dass wir Cleary-Frauen nicht gerettet werden können, indem man zwischen uns tritt; wir reißen den Retter meist gleich mit in den Staub.“
Lito wollte antworten. Dann hielt er inne.
Etwas hatte am Fenster gekratzt, kein menschliches Klopfen. Es war eher ein trockenes, kurzes Schaben, als streife eine Kralle über Holz oder Stein.
Alle fünf sahen hin.
Vor dem großen Bibliotheksfenster war die Nacht dichter als zuvor. Der Mond lag hinter dünnem Gewölk, und die Scheibe spiegelte den Raum: Marys dunkle Gestalt, Fionas kastanienfarbenes Kissen, Meghans blasse Wange, Justine zwischen Tragödien, Lito wie ein zu bunter Irrtum im falschen Stück. Zuerst war nur diese Spiegelung da.
Dann bewegte sich etwas dahinter.
Ein Kopf hob sich aus der Dunkelheit.
Spitze Ohren. Backenbart. Gelbe Augen, die nicht wie menschliche Augen wirkten und gerade deshalb unverschämt ruhig waren.
Der Luchs stand auf der schmalen Steinbrüstung vor dem Fenster.
Er war größer, als Lito erwartet hätte, falls er überhaupt jemals erwartet hatte, in einer griechischen Nacht vor einer italienischen Bibliothek einen Luchs zu sehen. Sein Fell war grau und sandfarben, mit dunklen Tupfen, die im Mondlicht nur angedeutet waren. Die Ohren trugen schwarze Pinsel, als habe ein altmodischer Maler ihm zwei kleine Ausrufezeichen aufgesetzt. Er sah nicht erschrocken aus. Er sah hinein.
Meghan bekreuzigte sich.
Fiona tat es langsamer.
Mary bewegte sich nicht.
Justine sprach mit einer Ruhe, die fast beunruhigender war als Angst.
„Natürlich. Warum sollte in dieser Nacht nicht auch noch ein Luchs vor dem Fenster stehen, nachdem wir von Phädra, Hippolytos, erpressten Erbinnen und brennender Bombé umgeben sind. Ich nehme an, er ist gekommen, um die Dramaturgie zu prüfen und uns mitzuteilen, dass sogar die Natur unsere Familienaufstellung für unnatürlich hält.“
Lito trat näher, aber nicht bis ans Glas. Der Luchs sah ihn an mit einer Aufmerksamkeit, die nichts bewies und trotzdem alle verstummen ließ.
„Er ist echt. Ich sage das, weil mein Kopf noch immer schmerzt und weil ein Teil von mir prüfen möchte, ob wir alle denselben Traum haben. Aber er atmet, seine Schnurrhaare bewegen sich, und dort am unteren Rand der Scheibe ist ein feuchter Abdruck seiner Nase, also ist dieses Tier körperlicher als manches, was heute Nacht als Spuk aufgetreten ist.“
Mary beugte sich nun minimal vor. Das war für sie fast eine Bewegung des Staunens.
„Ein Luchs auf einer griechischen Insel neben Hydra ist entweder ein sehr schlechtes Zeichen oder ein sehr guter Beweis dafür, dass jemand auf dieser Insel mehr hält, als er zugibt. Die Kadetten des Jahrgangs Luchs hatten Abzeichen, keine Raubtiere, wenn ich mich recht erinnere. Sollte dies also ein Maskottchen sein, ist die österreichische Militärerziehung noch eigentümlicher, als sie heute Abend bereits wirkte.“
Der Luchs öffnete lautlos das Maul, als gähne er über Mary Carson. Dann wandte er den Kopf zur Seite.
Draußen, unterhalb des Fensters, lag ein schmaler Gartenstreifen, der in die Dunkelheit des rückwärtigen Geländes führte. Der Luchs stand nicht zufällig dort. Oder vielleicht war es gerade die schlimmste Eigenschaft dieser Nacht, dass sogar Zufälle wie Zeichen aussahen.
Fiona stand auf. Das Kissen fiel vom Schoß auf den Teppich.
„Er kam nicht wegen uns. Tiere kommen nicht an Fenster, um Familien zu kommentieren, so sehr Menschen sich das gern einbilden. Er folgt einem Geruch, einem Geräusch oder einem Weg, und wenn er dort entlangkam, dann gibt es dort draußen einen Weg, den nicht nur Menschen kennen. Vielleicht wollte er an der Leiche fressen?“
Justine sah zu ihr. Ein kurzer, heller Blick. Fiona hatte wieder angefangen, die Welt praktisch zu betrachten. Es war ihre Art, nicht zu zerbrechen.
Meghan erhob sich ebenfalls, hielt aber Abstand vom Fenster.
„Vielleicht hat er Blut gerochen. Vielleicht hat er Valeria gerochen? Aber sind Luchse überhaupt Aasfresser? Ich weiß, dass das klingt, als wolle ich aus einem Tier einen Zeugen machen, aber in dieser Nacht haben Tiere mehr Anstand als Lügnerinnen und Kampfkünstlerinnen.“
Der Luchs setzte eine Pfote vor die andere. Er glitt eher an der Scheibe vorbei, als gehe er. Sein Körper verschwand halb im Schatten, tauchte noch einmal auf, als er über einen niedrigen Stein sprang, und war dann nur noch eine Bewegung im Garten.
Lito rieb sich die Stirn.
Der Kopfschmerz kam wieder stärker. Zugleich spürte er etwas anderes: ein fremder Raum, der sich öffnete, nicht in der Bibliothek, sondern in ihm. Ein Geruch nach Apothekenalkohol, Kardamomtee, Papier, Mumbai-Hitze und sauberem Glas. Kala.
Er griff an die Kante des Kartentisches.
Justine bemerkte es zuerst.
„Lito, Sie werden sehr blass. Bitte sagen Sie uns nicht, dass der Luchs jetzt durch Sie spricht, denn das wäre sogar für diese Familie ein gewagter Übergang. Falls Sie ohnmächtig werden wollen, tun Sie es bitte nicht auf die Ägäiskarte; die Chaiselongue ist besser geeignet.“
Lito antwortete nicht sofort. Er atmete ein, langsam. Dann sah er nicht mehr ganz die Bibliothek.
Kala stand zwischen den Regalen.
Nicht körperlich für die anderen. Für Lito aber war sie da, in einem schlichten hellen Laborkittel, die Haare zurückgenommen, die Stirn besorgt. Sie sah die Bibliothek nicht wie eine Besucherin, sondern wie jemand, der durch Litos Augen ein fremdes Zimmer betreten hatte und sofort die Symptome zählte.
„Lito, du musst mir genau zuhören, und du darfst nicht dramatischer werden, nur weil vier Cleary-Frauen dich ansehen. Du hast Kopfschmerzen, trockenen Mund, Gedächtnislücken, schwere Glieder und verzögertes Erwachen beschrieben, und wenn alle betroffen sind, ist ein gemeinsames Getränk oder eine gemeinsame Speise wahrscheinlicher als ein Geist. Das klingt nach einem zentral dämpfenden Mittel, sehr gut möglich nach einem Barbiturat oder einer ähnlichen Substanz, nicht nach einem spontanen Familienfluch.“
Lito schloss kurz die Augen. Für die Frauen in der Bibliothek sah es aus, als lausche er einem inneren Theater. Marys Blick wurde scharf. Fiona sah nicht erschrocken aus, sondern aufmerksam. Meghan hielt den Atem an. Justine kam einen Schritt näher.
Lito öffnete die Augen wieder.
„Kala ist da. Nicht hier, nicht so, wie Sie es erwarten würden, und ich weiß, dass dieser Satz in jeder anderen Nacht den Ruf nach einem Arzt rechtfertigen würde. Sie ist Pharmazeutin, sie hört durch mich, und sie sagt, dass unsere Symptome sehr gut zu einem Barbiturat passen, nicht zu Wein, Müdigkeit oder einem Geist.“
Mary sah ihn lange an. Ihre Stimme blieb kontrolliert, aber man hörte, dass sie jeden Teil dieses Satzes verabscheute, der nicht nützlich war.
„Ich bin zu alt, um mitten in der Nacht noch neue Formen internationaler Unterhaltung zu lernen. Wenn diese unsichtbare Pharmazeutin durch Sie spricht, soll sie sich bitte nützlich machen und nicht poetisch werden. Fragen Sie sie, ob ein solches Mittel in Mokka, Eis, Früchten oder einer Creme verborgen werden könnte, ohne dass eine Tischgesellschaft voller misstrauischer Menschen es sofort bemerkt.“
Lito neigte den Kopf, als höre er etwas. Tatsächlich hörte er Kala, und hinter Kala für einen Moment den Nachhall einer anderen Welt: Manama, Gift, höfliche Gesichter, teure Stoffe, die Art, wie Gefahr oft süß serviert wird.
Kala trat in Litos Wahrnehmung näher.
„Ja, es könnte verborgen werden, besonders wenn starke Aromen vorhanden sind. Masticha, Kaffee, Alkohol, Orange, Honig und gerösteter Zucker könnten Bitterkeit verdecken, abhängig von der Substanz und der Dosis. Aber ich muss vorsichtig sein: Ohne Probe kann ich nichts bestimmen, und wenn die Dosis ungleich verteilt war, könnten einzelne stärker oder schwächer betroffen sein.“
Lito wiederholte es. Nicht ganz wörtlich, aber sorgfältig.
„Sie sagt, es könnte verborgen werden, besonders in starken Aromen wie Masticha, Kaffee, Alkohol, Orange, Honig oder karamellisiertem Zucker. Sie sagt aber auch, dass sie ohne Probe nichts bestimmen kann, und dass eine ungleiche Verteilung erklären könnte, warum einige von uns schneller oder schwerer erwachten. Das Wichtigste ist: Es war kein Zauber und kein Traum, sondern sehr wahrscheinlich Absicht mit einer Substanz, die Körper bewegt, indem sie Bewusstsein ausschaltet.“
Fiona atmete langsam aus. Nicht erleichtert. Aber die Welt hatte wieder Kanten.
„Absicht ist hässlich, aber sie ist besser als Spuk. Wenn ein Mittel verabreicht wurde, dann gab es Hände, Behälter, Wege und Reste, und diese Dinge kann man zählen. Ich habe ein Leben lang Dinge gezählt, die andere lieber Gefühl nannten; sagen Sie Ihrer Frau aus der Ferne, dass sie mir mit dieser Nüchternheit gerade mehr Trost spendet als jeder Rosenblütensirup.“
Lito übersetzte nicht alles. Kala lächelte trotzdem, als habe sie genug verstanden.
Meghan sah zum Fenster, wo der Luchs verschwunden war.
„Dann war auch er kein Zeichen, sondern ein echtes Tier. Er ging vorbei, weil es draußen einen Weg gibt, weil dort etwas riecht oder weil diese Insel nicht so leer ist, wie Vittorio glaubte. Das macht ihn nicht weniger unheimlich, aber es nimmt ihm die Grausamkeit einer Botschaft.“
Justine ging zum Fenster und sah hinaus. In der Dunkelheit war der Luchs nicht mehr zu erkennen. Doch auf dem Stein vor dem Fenster lagen feuchte Abdrücke. Sehr klein waren sie nicht.
„Ein Tier hinterlässt Spuren, ein Barbiturat hinterlässt Wirkungen, und eine Erpresserin hinterlässt Briefe. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Mythos und Wirklichkeit: Der Mythos verlangt, dass wir Bedeutung gehorchen; die Wirklichkeit verlangt, dass wir genau hinsehen. Ich bin nicht sicher, ob mir das lieber ist, aber es ist jedenfalls weniger bequem.“
Mary trat neben sie. Nicht nah genug für Zärtlichkeit. Nah genug, um dasselbe Fenster zu betrachten.
„Sei vorsichtig, Kind. Genaues Hinsehen hat diese Familie heute Nacht bereits mehr gekostet, als uns lieb sein kann. Aber ich gebe zu, dass ein Luchs mit Pfoten und eine Droge mit Wirkung mir lieber sind als ein Haus, in dem Tote wandern und Fresken Befehle geben.“
Lito wankte leicht. Kala hob in seiner Wahrnehmung die Hand, als wolle sie ihn stützen.
„Du musst dich setzen, Lito. Sag ihnen, dass niemand allein gehen soll und dass Proben aufbewahrt werden müssen: Kaffee, Dessertreste, Gläser, Tassen, vielleicht Servietten, alles. Und sag ihnen, dass die größte Gefahr nach dem Erwachen nicht nur die Substanz ist, sondern Verwirrung, Stürze, falsche Beschuldigungen und Menschen, die glauben, sie müssten sofort handeln.“
Lito setzte sich auf den Sessel neben Meghan. Diesmal ließ er sich wirklich fallen, nicht dramatisch, sondern erschöpft.
„Kala sagt, wir müssen Reste sichern: Kaffee, Bombé, Gläser, Tassen, Servietten, alles, was berührt oder gegessen wurde. Sie sagt auch, dass niemand allein gehen soll, weil nach einem solchen Erwachen Verwirrung selbst gefährlich wird. Und sie sagt, die Substanz ist vielleicht nicht mehr das größte Problem, sondern das, was Menschen tun, wenn sie mit Kopfschmerzen, Schuld und Halbwahrheiten plötzlich glauben, handeln zu müssen. Aber wir können Wasser trinken, denn jeder würde es sofort merken, wenn es vergiftet wäre mit Betäubungsmittel.“
Fiona nickte. Mary schwieg. Meghan setzte sich wieder. Justine ging zum Tisch mit der Karaffe, füllte fünf Gläser und roch an ihrem, bevor sie trank. Sie nickte und verteilte dann die Gläser an die anderen, die ihre trockenen Münder mit dem erfrischenden, geschmacklosen Wasser trösteten.
Draußen kam aus der Dunkelheit ein leises Geräusch: nicht der Luchs, vielleicht ein Zweig, vielleicht ein Schritt, vielleicht das Haus, das seine alten Ziegel bewegte.
Lito sah noch einmal Kala. Sie war blasser geworden, weiter entfernt.
„Bitte bleib“, sagte er, und erst danach merkte er, dass er es laut gesagt hatte.
Mary hob eine Augenbraue, aber sie sagte nichts.
Kala lächelte traurig.
„Ich bin da, soweit ich da sein kann. Aber du bist in einem Raum voller Frauen, die gerade lernen, dass Wahrheit nicht dasselbe ist wie Heilung. Sei vorsichtig mit deiner Wärme, Lito, denn manche Menschen erfrieren nicht, weil niemand sie wärmt, sondern weil sie Wärme mit Kälte verwechseln.“
Dann war sie fort.
Lito blieb mit den vier Cleary-Frauen zurück.
Der Luchs war verschwunden, aber seine Pfoten hatten kleine dunkle Zeichen auf dem Stein gelassen. Kala war verschwunden, aber ihre nüchterne Diagnose blieb im Raum. Barbiturat. Absicht. Körperliche Einwirkung. Kein Geist. Kein göttliches Strafgericht. Kein Meeresungeheuer aus dem Fresko.
Mary löste sich vom Fenster.
„Dann müssen wir diese Nacht wieder von der Erde her betrachten. Eine Tote fiel, ein Tier ging vorbei, und jemand hat uns betäubt. Das ist nicht weniger tragisch, aber es ist in jeder Hinsicht unlogisch.“
Justine sah noch immer hinaus.
„Vielleicht ist das schlimmer. Wenn es Götter wären, könnten wir wenigstens klagen, ohne uns lächerlich zu machen. Wenn es aber Hände waren, dann lebt jemand in diesem Haus oder auf dieser Insel, der all unsere Mythen benutzt, während er einfach nur handelt.“
Fiona hob das kastanienfarbene Kissen wieder auf, als brauche sie etwas in den Händen.
„Dann warten wir nicht auf Zeichen. Wir warten auf Vittorio, Sun und Wolfgang, und wenn sie zurückkommen, sagen wir ihnen, dass der Zauber einen Namen bekommen hat. Barbiturat ist kein poetisches Wort, aber in dieser Nacht ist mir jedes unpoetische Wort willkommen, solange es die Welt wieder zählbar macht.“
Meghan sah zum Fenster.
„Und der Luchs?“
Lito folgte ihrem Blick in die Nacht. Für einen Moment glaubte er, die gelben Augen noch einmal zwischen den Sträuchern zu sehen. Vielleicht waren sie da. Vielleicht nur Nachbild.
„Der Luchs ist gelaufen, weil Tiere laufen. Vielleicht hat er etwas gesehen, vielleicht nur gerochen, vielleicht nichts, was wir je verstehen. Aber er hat uns daran erinnert, dass nicht alles, was schweigt, ein Geheimnis ist; manches ist einfach lebendig und geht weiter.“
Unter den Büchern wurde es sehr still, aber vom Gang hörte man Schritte, weshalb Fiona und Mary gleichzeitig hinaus auf den Gang eilten.


