Die Leiche

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Dann hörten sie die Schritte: Zuerst Mary, gerade wie ein Schwert, aber mit Augen, die mehr gesehen hatten, als sie zeigen wollte. Neben ihr Fiona, ruhiger, doch nicht weniger verändert; ihre Hände waren leer, als hätte sie im Speisesaal etwas ablegen müssen, das unsichtbar war. Hinter ihnen hörte man Vittorio, Sun und Wolfgang, langsamer, schwerer, wie Menschen, die in einem Steinbruch Marmorblöcke auf Holzschlitten ziehen.
Mary trat als Erste ein.
„Der Speisesaal ist für das Frühstück gedeckt. Und zwar vollständig, als hätte eine sehr tüchtige Hand mitten in der Nacht beschlossen, den nächsten Morgen durch perfekte Tischordnung heraufzubeschwören. Es sind Plätze für Seine Eminenz und für die Frauen unserer Familie gedeckt, und kein einziger Platz für die übrigen Gäste, als wären Herr Rodriguez, Herr Taylor, Herr Kinney, Herr Honeycutt, Herr Bogdanow und Fräulein Bak nie an diesem Tisch gesessen.“


Lito stand langsam auf.


„Das ist entweder ein sehr schlechter Witz, eine sehr gute Drohung oder eine metaphysische Kriegserklärung. Ich möchte dabei anmerken, dass ich normalerweise gern zum Frühstück eingeladen werde, besonders auf Inseln, auf denen es nach Kaffee und Honig riecht. Aber wenn ein Haus mich aus der Tischordnung löscht, nachdem es mich betäubt hat, nehme ich das fast persönlich.“
Fiona kam herein und blieb nicht bei Mary stehen. Sie ging zum Sessel, auf dem ihr kastanienfarbenes Kissen gelegen hatte, berührte es wie ein zu streichelndes Kätzchen. Aber der Polster schnurrte nicht.
„Die Servietten sind frisch gefaltet, die Tassen stehen exakt, die Messer liegen auf der richtigen Seite, und nichts erinnert daran, dass dort vor wenigen Stunden eine Bombé surprisè brannte und wir über eine Tote sprachen. Es gibt kleine Teller für Brot, Butter, Honig, Feigen, Käse, gekochte Eier und geschnittene Orangen, und alles ist so ordentlich, dass es beinahe obszön wirkt. Wenn jemand uns verwirren wollte, hätte er Unordnung hinterlassen; wer dort gedeckt hat, will behaupten, die Nacht sei nie geschehen.“


Justine rutschte vom Kartentisch. Ihr Blick ging von Mary zu Fiona.
„Nur für den Kardinal und uns Cleary-Frauen? Das heißt nicht nur, dass die übrigen Gäste ausgelöscht werden, sondern dass wir vier und Seine Eminenz in eine alte Ordnung zurückgestellt werden sollen. Valeria verschwindet aus der Erzählung, die verdächtige Sun verschwindet, der liebliche Lito und der diebische Wolfgang verschwinden, selbst das dynamische Trio aus Justin, Brian und Emmett verschwinden, und übrig bleibt eine Familie beim Frühstück, die in der Bibliothek erwacht sein würde.“
Meghan stand ebenfalls auf. Der Schatten der Ohrfeige war noch immer auf ihrer Wange.
„Das klingt nach Drogheda, nicht nach Griechenland. Man deckt den Tisch für jene, die gelten, und wer nicht dazugehört, steht draußen, selbst wenn er die ganze Nacht Schafe geschoren hat. Aber hier hat es etwas Krankes, weil die Ausgelassenen nicht nur nicht eingeladen sind, sondern als seien sie nie angekommen.“
Im selben Moment erschienen Brian, Justin und Emmett in der Tür.
Brian und Emmett waren immer noch nackt, Emmett hatte zumindest seinen Teppich umgehangen. Brian sah in die Runde.


„Bevor jemand fragt: Nein, ich habe mich nicht aus Langeweile neu erfunden, und nein, ich weiß nicht, wer mein Gewand versteckt hat, das ich im gelben Zimmer verstreut hatte. Im gelben Zimmer war nichts von uns, kein Hemd, keine Socke, kein Beweis dafür, dass zwei erwachsene Männer dort Sperma versprüht und dabei eine noch perfektere Theorie über Baks Schuld entwickelt haben. Das Bett war frisch bezogen, die Kissen lagen perfekt, und der Raum roch nach Seife, nicht nach Männern.“
Emmett trat neben ihn. Seine Hände waren gefaltet, aber die Finger arbeiteten gegeneinander.
„Das ist wahr, und ich möchte betonen, dass ich noch nie so erschüttert war, in ein aufgeräumtes Zimmer zu kommen. Keine Kleidung, keine Falten, keine Spur, kein zerknittertes Laken und keine menschlichen Spuren. Wir fanden unsere Sachen nicht dort, wo sie sein müssten.“
Justin blieb etwas hinter den beiden. Er sah Justine an, dann Meghan, dann den Kartentisch.
„Die anderen Zimmer sind genauso. Rot, Grün, Blau, Gelb: frisch bezogen, aufgeräumt, ohne Glas, ohne Kissen am falschen Ort, ohne Kleidung, ohne die kleinen Unordnungen, die Menschen hinterlassen, wenn sie schlafen, reden oder zusammenbrechen. Es ist, als hätten die Zimmer ihre heutige Geschichte verschluckt.“
Sun trat jetzt ein, hinter Vittorio und Wolfgang.
Sie sah ruhiger aus als die meisten, aber das war keine Stille, sondern die Form von Wachsamkeit, die sich nicht die Blöße einer sichtbaren Erschütterung gab. Wolfgang blieb nahe bei ihr, noch immer in seinem Hemd; sein Blick war schmal und sachlich, als lese er einen Tatort, der sich absichtlich selbst desinfiziert hatte.
Vittorio blieb in der Tür stehen.


Er sprach nicht sofort. Alle sahen ihn an. Selbst Mary wartete.
„Valeria Sebastienne ist nicht mehr im Hof. Der Körper ist verschwunden, die Decke ist verschwunden, die Laternen sind fort, und der Steinboden ist gewischt oder auf andere Weise gereinigt worden. Es gibt kein Blut, keine Schleifspur, keine verlorene Haarspange, keinen Abdruck, nichts, was einem Polizeibeamten beweisen würde, dass dort vor wenigen Stunden eine Tote lag.“
Die Bibliothek wurde so still, dass man draußen den Wind an der Scheibe hörte.
Justine war die Erste, die atmete, als müsse sie ihren Körper daran erinnern.
„Das ist unmöglich! Ich weiß, dass ich dieses Wort hasse, weil Menschen es meistens benutzen, wenn sie nur zu faul sind, die Möglichkeit zu suchen. Aber ich habe sie gesehen, wir haben sie alle gesehen, Sun kniete bei ihr, Vittorio prüfte ihren Puls, die Haushälterin brachte die Laternen, und jetzt soll da draußen nichts mehr sein?“
Sun trat in die Mitte des Raumes.


„Ich habe neben ihr gekniet. Ich roch Stein, Blut, Haut, Meer und etwas Bitteres, das ich damals nicht einordnen konnte. Wenn der Hof jetzt leer ist, dann ist das kein Beweis, dass ich gelogen habe, sondern ein Beweis, dass jemand sehr genau wusste, welche Spuren gegen mich und gegen andere sprechen konnten.“
Wolfgang nickte langsam.
„Der Hof ist zu sauber. Das ist der Fehler, wenn jemand gut arbeitet und zu viel arbeitet. Ein Unfall hinterlässt Unordnung, ein panischer Täter hinterlässt Dreck, aber dort ist eine Sauberkeit, die wie eine Inszenierung aussieht. Es soll nicht heißen: Jemand hat aufgeräumt; es soll heißen: Nichts ist geschehen.“
Mary setzte sich auf die Chaiselongue. Ihre Augen wurden schmal.
„Dann haben wir ein Frühstück, das die Gäste auslöscht, Zimmer, die Gespräche und Körper auslöschen, und einen Hof, der eine Leiche ausgelöscht hat. Ich bin bereit, viel Bosheit in Menschen anzunehmen, aber diese Konsequenz verlangt entweder eine sehr erfahrene Hand oder eine Macht, die nicht von dieser Welt ist.“
Lito sah kurz zu Sun. Sun erwiderte den Blick nicht, aber sie hörte.


„Kala sagte, es war sehr wahrscheinlich ein Barbiturat. Das bedeutet Absicht, kein Fluch, keine Geister, keine Fresken, die uns im Schlaf durchs Haus tragen. Aber ich gebe zu, dass sich ein physikalisches Verbrechen sehr unheimlich anfühlt, wenn jemand danach sämtliche Zimmer in eine bessere Vergangenheit zurückputzt.“
Fiona hob den Kopf.
„Dann müssen wir uns an das halten, was nicht wegzuputzen ist. Wir haben Kopfschmerzen, Gedächtnislücken, trockene Münder, und mehrere Menschen erinnern sich an dieselbe Leiche. Wir haben einen Speisesaal, der für eine bestimmte Gesellschaft gedeckt wurde, nicht für die tatsächliche, und wir haben Zimmer, die eine Ordnung behaupten, die unsere Erinnerung zu widerlegen scheint.“
Emmett sah sie an.
„Und wir haben einen Luchs. Ich weiß, dass das in einer Zusammenfassung der Beweislage nicht besonders professionell klingt, aber ich bestehe darauf, dass er vor dem Fenster war, echt war und sich nicht wie ein Gespenst benahm. Er hat uns nicht angeklagt, nicht bedient und nicht neu eingedeckt; er hat nur geschaut und ist weitergegangen, was ihn in dieser Nacht zu einer dämonischen Distanz ausbaut.“
Ein Kratzen erklang an der Scheibe.
Alle wandten sich gleichzeitig zum Fenster.


Der Luchs war wieder da.


Diesmal stand er nicht ruhig auf der Brüstung wie ein seltsamer Wappenträger. Er hatte den Kopf leicht gesenkt, die Ohren nach hinten gedreht, und sein Fell bewegte sich im Wind. Seine Augen waren gelb und flach im Mondlicht. An seiner Schnauze klebte Blut.
Meghan stieß einen Laut aus, der halb ein Gebet und halb ein Schrei war.
Justin trat unwillkürlich einen Schritt vor. Der Maler in ihm sah zu viel: das dunkle Rot am hellen Fell, die nasse Linie an den Barthaaren, die winzige Bewegung der Zunge, mit der das Tier über seine Lippen fuhr. Jilib kam zurück, schwarz und salzig, aber diesmal war das Riff nicht fern. Es lag auf der anderen Seite der Scheibe wie eine luchsfarbene Spiegelung der schwarzen Korallen.
Sun hob langsam eine Hand, als wolle sie die anderen daran hindern, näherzugehen.
„Nicht öffnen, es könnte ein Tier oder ein Hausgeist sein, der verärgert ist! Der Luchs ist nicht zahm, und Blut an der Schnauze bedeutet nicht automatisch, dass es menschliches Blut ist. Aber es bedeutet, dass dort draußen etwas liegt oder lag, das er erreicht hat, und dass der Garten nicht leer ist.“


Mary beugte sich vor, aber sie blieb hinter dem Glas.


„Ein Luchs mit Blut an der Schnauze vor einem Fenster, während eine Leiche verschwunden ist, ist eine Herausforderung gegen jeden vernünftigen Verstand. Wenn dieses Haus einen boshafteren Scherz kennt, möchte ich ihm nicht begegnen. Wenn es ein Zeichen ist, ist es geschmacklos; wenn es Zufall ist, ist der Zufall heute Nacht sehr ehrgeizig.“
Wolfgang trat neben Sun, ohne sie zu berühren.
„Er kam vom hinteren Gartenstreifen. Dort gibt es vielleicht einen Durchgang, den wir noch nicht gesehen haben, oder einen Abhang, eine Klappe, eine Grotte, etwas, das ein Tier nutzt und ein Mensch mit Ortskenntnis auch nutzen könnte. Wenn er Blut hat, kann er an der Stelle gewesen sein, wo der Körper bewegt wurde, oder an einer Stelle, an der jemand Spuren entsorgt hat.“
Vittorio sah den Luchs an, und in seinem Gesicht lag plötzlich eine sehr jungenhafte Schläue, als wäre er wieder der kleine Junge, der im Garten Eidechsen fangen wollte. 
„Als Kind sagte man mir, Luchse sähen, was Menschen verbergen, weshalb ich auch nicht heimlich vom Konfekt naschen dürfe, weil man nie wüsste, ob nicht ein Luchs auf einem Regal zusähe. Ich habe das immer für eine Jagdmetapher gehalten, nicht für Theologie. Heute Nacht fürchte ich weniger das Tier als die Tatsache, dass es ehrlicher in unser Fenster blickt als manche Menschen in diesem Haus.“


Der Luchs öffnete das Maul.


Diesmal war kein Gähnen. Ein dunkler Laut kam aus ihm, kurz, rau, nicht groß genug für ein Brüllen, aber fremd genug, dass die Bibliothek zurückzuweichen schien. Dann wandte er sich ab und sprang von der Brüstung. Für einen Moment sah man seinen Rücken zwischen den Sträuchern, dann nur noch das Zittern eines Zweiges.
Die Scheibe blieb zurück mit einem kleinen blutigen Schmierfleck.
Justine starrte darauf.
„Jetzt haben wir wenigstens eine Spur, die noch nicht verschwunden ist. Vielleicht wird sie in zehn Minuten ebenfalls weggewischt sein, und dann erklärt uns dieses Haus, dass es nie Luchse gegeben hat, nie Blut, nie Valeria Sebastienne, nie Gelb, nie Rot, nie Blau, nie Grün und nie eine Tochter, die ihre Mutter gehört hat. Vielleicht ist das die eigentliche Drohung: Nicht Tod, sondern Vergessen.“
Meghan sah sie an.
„Ich vergesse nicht, was ich gesagt habe. Ich kann nicht versprechen, dass ich morgen mutig genug bin, es gut zu machen, aber ich vergesse es nicht. Wenn dieses Haus unsere Zimmer ausräumt und unsere Spuren löscht, dann müssen wir vielleicht wenigstens unsere Erinnerung behalten.“


Brian atmete langsam aus. Er sah Justin herausfordernd an.


„Ich gebe zu, dass das Haus gerade versucht, eine Version der heutigen Nacht zu schreiben, in der wir nie hier waren, und ich habe grundsätzlich etwas dagegen, aus einer Dauerwerbesendung gestrichen zu werden. Besonders, wenn ich vorher mit dem schlechtesten Kopfschmerz des Jahrhunderts bezahlt habe.“
Justin erwiderte seinen Blick. Das Gelbe zwischen ihnen war nicht verschwunden. Aber es war kleiner geworden, weil der Luchs ans Fenster getreten war.
„Ich war im gelben Zimmer, Brian. Ich weiß nicht alles, und ich will nicht alles in einer Bibliothek wissen, aber ich weiß genug, um nicht zu glauben, dass ein frisch bezogenes Bett die Nacht löscht. Bilder verschwinden nicht, nur weil jemand die Laken wechselt.“
Emmett schluckte. Dann hob er die Hand, als hätte er im Unterricht um Erlaubnis gebeten, obwohl niemand hier Lehrer war.
„Ich möchte mich bei dir entschuldigen, auch wenn ich dabei vermutlich weiterhin sehr unheldisch aussehe. Das gelbe Zimmer war real, die Theorie über Sun ist real, obwohl selbst ich nicht erklären kann, wie die Koreanerin uns alle bewegt, das Haus geputzt und sich dann neben uns gelegt haben könnte, nachdem sie die Leiche und Spuren mit Schwefelsäure aufgelöst hätte. Es bleibt das Motiv der Tatvertuschung, aber es fehlt die Möglichkeit. Wenn jemand hier eine Vergessensschleife inszeniert, dann hat er unterschätzt, wie unmechanisch Menschen sind, die sich ausgerechnet an die peinlichsten Dinge erinnern.“


Fiona sah zur Tür.


„Dann ist die Frage nicht mehr, ob etwas geschehen ist, sondern warum jemand so verzweifelt behauptet, es sei nicht geschehen. Eine Leiche verschwindet, damit kein Mord mehr beweisbar ist; ein Frühstück wird gedeckt, damit eine Gesellschaft erfunden wird; Zimmer werden gereinigt, damit Geständnisse zu Träumen werden. Das ist keine Geisterwelt, das ist dämonische Verwaltung mit böser Absicht.“
Mary drehte sich zu ihr.
„Du und deine Verwaltung. Aber ja, diesmal trifft das Wort. Jemand führt hier ein Register der Wirklichkeit und streicht heraus, was nicht in die gewünschte Ordnung passt. Das erinnert mich unangenehm an Familien, Kirchen und Imperien, und ich habe allen dreien lange genug zugesehen, um ihren Stil zu erlernen.“
Vittorio trat nun ganz in die Bibliothek. Hinter ihm lag der Gang, dunkel, offen, wartend.
„Wir können nicht weiter im Haus bleiben und darauf warten, dass es uns eine neue Fassung der Nacht präsentiert. Die Polizei kommt erst bei Tageslicht oder später, wenn das Meer gnädig ist, und bis dahin löscht jemand hier Spuren, stellt Tische, ordnet Zimmer und bewegt Tote. Wir brauchen einen Ort, den dieses Haus nicht vollständig beherrscht.“
Sun sah ihn an.


„Die Kapelle.“


Vittorio nickte.
„Die Kapelle. Sie gehört zur Villa, aber ist ein eigenes Gebäude, und sie gehört meiner Familie, aber ist eigentlich Eigentum der Kirche. Dort brennen Kerzen für Tote, nicht für Frühstücksordnungen, und dort können wir für Dane beten, bevor diese Nacht auch ihn als wiedergängerisches Werkzeug benutzt gegen uns.“
Meghan schloss die Augen.
Der Name Dane war kein Messer diesmal, eher ein Gewicht, das sie freiwillig aufhob.
„Ich will für ihn beten, weil er der Einzige in dieser ganzen Nacht ist, der nicht noch einmal sterben soll, nur weil wir seinen Namen ständig in unsere Schuld hineinziehen.“
Justine sah sie an. Nicht versöhnt. Aber wach.
„Dann gehen wir. Ich gehe nicht, weil die Kapelle sicher ist, denn in diesem Haus scheint Sicherheit nur ein Vorhang für schlecht beleuchtete Abgründe zu sein. Ich gehe, weil Dane nicht Valerias Geisel, nicht Marys Erbe, nicht dein verbotener Sohn und nicht mein verlorener Bruder bleiben darf.“
Mary nahm ihre Schultern zurück. Sie sah zum Fenster, wo der blutige Fleck auf der Scheibe verschwunden war.
„Es ist finster, es windet, ein Raubtier läuft vor dem Haus, und irgendjemand hat heute Nacht mehr Ordnung geschaffen, als mir lieb ist. Unter normalen Umständen würde ich niemandem raten, jetzt in eine Kapelle auf einer Klippe zu gehen. Da diese Nacht aber offenbar jede normale Vorsicht verspottet, werde ich nicht als alte Frau in einer Bibliothek sitzen bleiben und auf ein Frühstück warten, das mich in eine Salzsäule getrockneter Tränen verwandeln soll.“


Wolfgang ging zur Tür.
„Wir gehen zusammen, niemand zurück, niemand voraus, niemand allein. Ich sehe mir den Weg an, Sun sieht die Seiten, und alle anderen tun bitte so, als wäre Stolz ausnahmsweise weniger wichtig als Überleben. Wenn der Luchs wiederkommt, lassen wir ihm Platz; Tiere sind ehrlicher als Menschen, aber ihre Ehrlichkeit hat Zähne.“
Brian sah an sich hinunter, als prüfe er, ob seine Nacktheit auch für eine Kapelle geeignet sei. Fiona reichte ihm das kastanienfarbene Kissen.
„Ich wollte immer schon einmal nach einer Betäubung, einem verschwundenen Körper, einem gereinigten Sexzimmer und einem blutigen Luchs eine nächtliche Andacht besuchen. Pittsburgh hat mir viel gegeben, aber in dieser speziellen liturgischen Kategorie war es enttäuschend. Justin, du bleibst neben mir, und Emmett bleibt vorläufig dort, wo ich ihn sehen kann, weil diese Nacht offenbar jeden ausradiert, der zu dekorativ allein herumsteht.“
Emmett nickte mit einer Würde, die gerade deshalb rührend war, weil er in einen Teppich gehüllt war.
„Ich werde weder dekorativ noch allein herumstehen, und ich verspreche, auf dem Weg zur Kapelle keine neue Theorie über lesbische Selbstverteidigung, Barbiturate oder Raubtierpelzmäntel zu entwickeln. Ich möchte nur anmerken, dass ein Gebet für Dane vielleicht das erste ist, was heute Nacht nicht sofort jemandem als Waffe dienen wird. Falls wir das schaffen, würde Gott es sicher erhören.“
Lito stellte sein Glas ab.


„Dann gehen wir als Menschen, die noch nicht bereit sind, sich von einem Haus besiegen zu lassen, durch das Vergangenheit neu geschrieben wird. Und wenn ich in der Kapelle bete, werde ich auch für die Lebenden beten, weil sie heute Nacht sehr viel schwieriger zu behandeln sind als die lebenden Toten.“
Vittorio öffnete die Tür ganz.
Der Gang dahinter war dunkel, und irgendwo im Haus schlug der Wind gegen einen Fensterladen. Aus dem Speisezimmer kam der Geruch von frisch gestärkten Servietten, so friedlich, dass er fast schmutzig war. Am Bibliotheksfenster zeigte das saubere Fenster nur Schwärze.
Einer nach dem anderen traten sie vor, um die Bibliothek in feierlicher Prozession zu verlassen.
Mary und Fiona zuerst, weil alte Frauen in dieser Familie immer den ersten Schritt machten. Dann Meghan und Justine, nicht Hand in Hand, aber nah genug, dass die Dunkelheit zwischen ihnen schmaler wurde. Lito folgte ihnen, wach, durstig, warmherzig und vorsichtig. Brian, Justin und Emmett kamen dahinter. Sun und Wolfgang flankierten die Gruppe wie zwei verschiedene Arten von Wachsamkeit. Vittorio schloss die Reihe.


Sie gingen zur Türe der Bibliothek auf den Gang hinaus. Draußen vor dem nun wieder sauberen Fenster warteten Finsternis, Wind und die Kapelle.

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